Einfach da sein und Raum geben –

Angebote für Eltern, deren Kinder zu früh gegangen sind,

bei den Bethanien Sternenkindern in Heidelberg

Die Bethanien Sternenkinder richten sich mit ihrem Angebot an allen Eltern, die um ein vor, während oder kurz nach der Geburt verstorbenes Kind trauern. Sophie und Marjolein aus der Mother Hood Regionalgruppe Rhein-Neckar haben mit Britta Gruhlke ein Interview über ihre Arbeit bei den Bethanien Sternenkinder, dem Umgang mit frühen Verlusten und Trauerbegleitung geführt.

Sophie von Mother Hood: Erzähl doch mal ein bisschen von eurer Initiative. Wer seid ihr und was macht ihr?

Britta: Wir sind eine Gruppe von sechs Frauen, die sich zusammengefunden haben, um Sterneneltern zu begleiten und zu unterstützen. Wir möchten nicht, dass diese Frauen nach Hause gehen und in ein Loch fallen – was sie natürlich trotzdem tun. Doch unser Anliegen ist es, etwas an die Hand zu geben, und den Frauen zu zeigen: Ihr seid nicht allein.
Wir bieten Möglichkeiten der Unterstützung in Form von 
Selbsthilfegruppen, Gesprächen…

In Heidelberg gab es vor unserer Initiative abgesehen von den Seelsorgern in den Kliniken nur eine feste Trauergruppe, die sich einmal im Jahr getroffen hat, für Eltern, die ihre Kinder verloren haben. Aber das konnten auch 80-jährige Ehepaare sein, deren 60-jähriger Sohn gestorben ist.

Wir wollten etwas anbieten, das möglichst offen, niederschwellig und ohne feste Anmeldung verläuft, wo man einfach kommen darf und kann, wenn man möchte.

Aktuell bieten wir einmal im Monat einen offenen Abend an. Dieser wird moderiert, ist aber nicht thematisch eingegrenzt, sondern die Themen bewegen sich durch das, was die Frauen oder Paare mitbringen. Nicht immer können wir garantieren, dass sich mehrere Betroffene austauschen können. Manchmal ist auch nur eine Frau da. Aber auch die kann dann in der Regel was von dem Abend mitnehmen. Wenn Kontakt aufgenommen wird, mit Wunsch nach Einzelgesprächen oder Begleitung bei der Beerdigung oder Verabschiedung des Kindes, machen wir das nach Absprache auch. Es kommt immer darauf an, was die Frau möchte, was sie braucht und was wir aktuell leisten können.

Wir machen das alle ehrenamtlich und sind aus verschiedenen sozialen Berufen zusammengesetzt. Ich selbst bin zum Beispiel Gynäkologin und habe daher im Berufsalltag viel mit Frauen zu tun, die eine Fehlgeburt haben oder hatten. Für die Betroffenen ist unser Angebot komplett kostenlos.

Im Mai bieten wir normalerweise einen Gedenkspaziergang an, von Neuenheim am Neckar entlang bis zum Neuenheimer Friedhof, um in der Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren, und zu zeigen, dass es wichtig ist. Außerdem gibt es einen Internationalen Gedenktag, den World Wide Candle Light Day, immer am 2. Sonntag im Dezember. An diesem Tag organisieren wir Gedenkgottesdienste in unterschiedlichen Gemeinden, gemeinsam mit den Seelsorgerinnen der Uniklinik. Hier kommen oft ganze Familien, die ihr Kind auch oft schon vor Jahren verloren haben. Dieser Tag ist sehr wichtig für die Familien. Es gibt dann auch eine Begleitung, sodass sich die Familien untereinander kennenlernen und austauschen können.

Marjolein von Mother Hood: Wie lange begleitet ihr die Frauen? Könnten sie zum Beispiel auch am Jahrestag der Geburt kommen?

Britta: Ja natürlich. Manche Frauen kommen sehr schnell nach der Fehlgeburt zu uns, manche erst Monate danach. Einmal hatten wir eine ältere Dame, die hatte von uns gehört, weil wir irgendein Jubiläum hatten und sie erzählte dann, dass sie vor 25 Jahren ihr Kind tot geboren hat. Sie hat davon erzählt und sich ausgetauscht und das war für alle ein bereichernder Abend. Am Schluss sagte sie, das wäre so schön für sie gewesen, es wäre ihr erster Elternabend gewesen.

Die Trauer ist immer da, sie geht auch nicht wieder weg. Wir lernen nur, damit zu leben. Und darum geht es in der Begleitung. Aufzufangen, zu unterstützen und langfristig Wege aufzuzeigen und dabei zu helfen, die Trauer in das eigene Leben zu integrieren.

Es wird immer Momente geben, in denen die Trauer aufbricht, wo es im Herzen sticht, weil man zum Beispiel eine Mutter sieht, die den gleichen Kinderwagen schiebt, den man selbst für sein Baby besorgt hatte, das geht nicht weg. Auch nicht nach 20 oder 30 Jahren. Nur ist es nicht mehr so präsent.

Sophie von Mother Hood: Bekommt eine Frau, die eine Fehlgeburt hatte, den Kontakt zu euch über die Krankenhäuser oder Ärzte?

Britta: Wir verteilen zwar immer wieder Flyer und Infomaterialien an Gynäkologen, Hebammen und Kliniken, allerdingst verschwindet das dort schnell in den Schubladen, weil es sich nicht so toll macht, diese Informationen im Wartezimmer auszuhängen oder auszulegen. Wenn die Frauen in der Uniklinik sind, dann wird auf uns verwiesen, denn mit der Seelsorgerin dort arbeiten wir sehr eng zusammen. Ansonsten googeln die Frauen, und bei den Stichworten „Sternenkinder“ und „Heidelberg“ kommt man sehr schnell auf unsere Homepage. Da gibt es dann Kontaktadressen. Wir haben auch ein Notfallhandy, das immer eine von uns hat. Bei Anrufen rufen wir innerhalb des Tages zurück.

Sophie von Mother Hood: Was sind die dringendsten Bedürfnisse von Frauen, wenn sie zu euch kommen?

Britta: Meinem Eindruck nach ist das Allerwichtigste einfach Zeit: zum Trauern, Platz zum Trauern, in der Trauer ernst genommen werden, angenommen werden… Und dass das Ungeborene auch als Kind gesehen wird und nicht negiert wir als „da war doch noch nichts“. 

Die Frauen treten meist erst in Kontakt, wenn sie vom Krankenhaus zu Hause sind und sie dann in ein tiefes Loch fallen. Das ist auch eine extreme Belastungsprobe für jede Partnerschaft. Menschen trauern sehr unterschiedlich. Partner trauern kaum gleich, jeder hat seine eigene Herangehensweise daran, und dadurch entstehen viele Missverständnisse. Ihnen ist oft schon sehr damit geholfen, dass man ihnen einfach zuhört, ihrer Geschichte Raum gibt, ihrer Trauer Raum gibt und sie annimmt und mit ihnen aushält.

Es ist sehr schwierig so was auszuhalten. Man möchte gern Aktionismus machen, Tee kochen, oder trösten mit Floskeln wie „du bist noch jung, du kannst noch eins kriegen“, oder „du hast ja schon eins…“. Das sind so Sätze, die die Frauen oft zu hören bekommen. Genau wie „es war ja noch nicht richtig…“. Das kommt sehr oft und ist verletzend. Verliert jemand seinen Opa, sagt auch niemand, du hast ja noch einen anderen Opa. Oder nach einem Jahr: „Ist die Trauer jetzt weg?“ Da würde keiner auf die Idee kommen. Aber bei Ungeborenen ist es anscheinend schwierig zu verstehen, dass man ganz genauso trauert, wie man um jeden anderen Menschen trauern würde.

Sophie von Mother Hood: Was hältst du von der Empfehlung, vor der 12. Woche anderen nichts von der Schwangerschaft zu erzählen?

Britta: Einerseits ist das ein Schutz, den man sich selbst macht, falls was passiert. So weiß es nicht jeder und dann wird man auch nicht dumm angesprochen, falls was passiert. 
Andererseits ist die Trauer genauso da. Zu erklären, warum man stark trauert, und Zeit braucht, zu lernen mit der Trauer umzugehen, kann man nur erzählen, wenn jemand weiß, um wen oder was man trauert. Immer diese magische 12. Woche… es hält sich ja auch kein Kind an das ausgerechnete Geburtsdatum.

Prozentual gibt es die meisten Fehlgeburten im ersten Schwangerschaftsdrittel, ja – aber das schützt nicht davor, das Kind später zu verlieren. Wenn eine Frau in der 13. Woche von ihrer Schwangerschaft erzählt und dann ist in der 14. Woche die Fehlgeburt, dann hat man sich heimlich drei Monate gefreut und die Freude mit niemandem geteilt. Und die Frauen denken dann manchmal: „Jetzt wo ich es geteilt habe, werde ich dafür bestraft.“ Sie fühlen sich schuldig. Sie suchen natürlich auch nach Gründen, wieso es passiert ist. Doch es ist sehr selten, dass man eine Ursache findet. Meistens findet man keinen Grund, gerade bei den frühen Fehlgeburten. Die Mutter fragt sich natürlich: „Hab ich was falsch gemacht? War es das halbe Glas Sekt, das ich in der 5. Woche getrunken habe, als ich es noch nicht wusste?“ Aber nein. Das wars nicht. Sie sind nicht schuldig. Ich erzähle immer allen Frauen als Beispiel, um es sich klarzumachen: Wenn es so einfach wäre, eine Schwangerschaft zu beenden, in dem man aufs Trampolin geht oder ein halbes Glas Sekt trinkt, hätten wir kein Problem mit ungewollten Schwangerschaften. Das würde dann jede Frau so machen. Mit einer stabilen Schwangerschaft kannst du ein Marathon mitlaufen. Es gibt kein schuldig sein der Mutter oder des Vaters. Selbst bei Frauen, die einen Unfall hatten, ist es extrem selten, dass man sagen kann: hier war das Problem.

Das Nichtwissen und die Unsicherheit auszuhalten, dass es keinen klaren Grund gibt und damit auch keine Möglichkeit vom Kopf her einen Weg und eine Vermeidungsstrategie für die nächste Schwangerschaft zu entwickeln, sind schwer. Die Frauen sind in einer Folgeschwangerschaft sehr viel besorgter und ängstlicher. Was nachvollziehbar ist. Sie haben auch einen Anspruch auf häufigere Kontrollen oder Ultraschalls, denn nur so kann man die Angst ein kleines bisschen nehmen.

Marjolein von Mother Hood: Mehr zur Beruhigung der Frau und um die Angst zu begleiten, statt das man Bedenken hat, dass es nochmal passiert, oder?

Britta: Ja, mehr zur Beruhigung. Ein Kind ist halt ein eigenes Wesen. Wenn es der Mutter gut geht, heißt es nicht, dass es dem Kind gut geht. Viele Frauen können es nicht fassen, dass es ihnen supergut geht und in ihnen ist das Kind gestorben und sie haben es nicht mitbekommen. Auch mit mehr Untersuchungen kann man nicht verhindern, dass es wieder passiert, aber wenn am Wochenende eine Schwangere kommt und sagt „Ich konnte nicht schlafen, es fühlt sich komisch an“ dann wird in der Klinik einmal nachgeschaut, ob das Herz schlägt, und dann kann sie wieder nach Hause gehen und hat den Rest des Wochenendes wieder ein bisschen Beruhigung.

Sophie von Mother Hood: Welche Optionen hat eine Schwangere, bei der festgestellt wurde, dass ihr Kind im Bauch gestorben ist?

Britta: Es gibt medizinische Kriterien dafür, wann ein natürliches Abbluten und wann eine Ausschabung in der Frühschwangerschaft gemacht werden kann. Das wird den Frauen dann gesagt. Sie gehen zum Gynäkologen, weil sie bluten oder eine Kontrolle haben, und plötzlich steht das Herz still. Dann sind sie in Panik und kommen oft direkt nach dem Frauenarzt in die Klinik. Da kann man sie erstmal runterholen. Sofort muss gar nichts, die Zeit drängt nicht. In den meisten Fällen kann man erstmal ein paar Tage abwarten. Die Frauen müssen sich mit der Situation auseinandersetzen und haben dafür Zeit.

Es gibt die Situation, dass man sagt, ok, sie können nach Hause gehen und es abbluten lassen. Das gilt aber nur für die frühen Schwangerschaften. Ab einer gewissen Größe des Köpfchens sagt man, das Kind muss geboren werden, da macht man keine Ausschabung mehr. Die Frau muss das Kind auf die Welt bringen, auch wenn es noch wirklich klein ist. Das geschieht in der Klinik unter Gabe von Medikamenten, um Wehen auszulösen und um Schmerzen zu lindern. Das geschieht in der Regel auch unter Begleitung einer Hebamme. Die Frauen haben auch Anspruch auf Hebammenbegleitung danach ambulant, im Wochenbett. Da gibt es eher das Problem, dass sie noch keine Hebamme hatten oder die Hebamme sagt: „Was soll ich da, es gibt ja kein Kind was ich betreuen kann“ und als Trauerbegleiterin fühlt sie sich überfordert.

Marjolein von Mother Hood: Würde die Geburt nicht allein beginnen, wenn das Kind im Bauch gestorben ist? Muss man da unbedingt medikamentös eingreifen?

Britta: Ja, es würde allein passieren, nur ist die Frage wann. Und für viele Frauen ist der Zeitfaktor kritisch, wenn sie wissen, das Kind ist gestorben, sie aber immer noch schwanger sind. Da wird es kritisch von der psychischen Seite her. Was viele Frauen nicht wissen, ist generell, dass das Kind gestorben ist, aber die Schwangerschaft besteht ja auch aus anderen Anteilen wie Fruchtwasser, Eihäute, Mutterkuchen und diese Teile können durchaus weiterwachsen unabhängig vom Kind. Da können auch Erkrankungen entstehen, mit denen nicht zu spaßen ist. Deshalb muss man irgendwann der Natur auf die Sprünge helfen, weil die Schwangerschaft leider nicht zu einem glücklichen Ende zu bringen ist.

Marjolein von Mother Hood: Ein Kaiserschnitt wird in solchen Fällen selten durchgeführt, oder? Vermutlich ist es auch wichtig für die Frauen, für die Verarbeitung, das Kind selbst zur Welt zu bringen?

Britta: Ja, die Verarbeitung ist tatsächlich einfacher. Aber ein Kaiserschnitt ist ja auch eine große Bauchoperation. Ein Kaiserschnitt bleibt eine große Bauchoperation, die gefährlich ist, und mit Risiken verbunden. Wenn man das macht, um ein gefährdetes Kind schnell zu holen, oder weil die Geburt anders nicht geht, dann sind die Ärzte dankbar, dass  sie das machen können. Aber nur für das Gefühl, „ich kann es nicht, weil das Kind gestorben ist, bitte holt es mir raus“, ohne einen medizinischen Grund zu haben, sollte man es eigentlich nicht machen. Es ist klar die bessere Möglichkeit für die Frauen, das Kind selbst zu gebären. Der Prozess des Abschieds ist wichtig. Die Frauen müssen bei der Geburt auch keine Schmerzen leiden, denn man kann anders Schmerzmittel geben als bei einer Frau, bei der das Kind lebt, weil man keine Rücksicht auf das Kind nehmen muss. Das ist für die Frauen hilfreich.

Sophie von Mother Hood: Es gibt ja auch Sternenkinderfotografen, die nach einer stillen Geburt ins Krankenhaus kommen und Erinnerungsfotos machen.

Britta: Ja, es gibt welche in der Region, die kommen. Man muss sie nur anrufen und den Eltern vermitteln, dass es ein wertvolles Angebot ist. Die Eltern haben oft unglaublich Angst davor, dass ihr Kind entstellt ist, dass es hässlich ist, dass sie denken, sie können es nicht angucken. Dann zu kommen mit der Vorstellung, wir holen noch einen Fotografen, das irritiert.

Aber es ist ja ganz furchtbar bei einer Schwangerschaft, die nicht zum glücklichen Ende kommt. Einerseits verliert man das Kind, und noch dazu hat man dann keine Erfahrungen und Erinnerungen mit dem Kind, weil es ja viel zu kurz gelebt hat. Alles, was wir an Erinnerungen schaffen zu kreieren, durch Fotos, Fußabdruck, Namensbändchen… ist unglaublich wertvoll für die Eltern.

Von daher freue ich mich immer, wenn ich es schaffe, die Eltern davon zu überzeugen, Fotos zu machen. Wenn sie es ablehnen, macht eine Hebamme oder jemand anderes eine paar Fotos und druckt sie aus, aber das ist natürlich nicht vergleichbar mit professionellen Bildern.

Sophie von Mother Hood: Vielleicht bräuchten sie auch mehr Zeit, um über das Angebot nachzudenken, oder? Im ersten Moment sind der Schock und die Trauer zu groß und nach ein paar Tagen wären sie dann vielleicht doch dazu bereit.

Britta: Das gibt es auch, es ist nicht immer möglich dann noch Fotos zu machen. Aber ich habe auch schon mal zwei Monate nach der Geburt Fotos gemacht. Das war so 18. Woche oder so, mitten in der Schwangerschaft. In dem Fall war es möglich. Das habe ich dann ohne die Eltern gemacht, und habe die Bilder nachbearbeitet. In der Klinik, in der ich arbeite, ist es so, dass die Kinder immer so lange in der Kühlung in der Klinik im Kreißsaalbereich sind, solange die Eltern in der Klinik sind. Da können sie jederzeit kommen. Wenn wir das Kind dann in die Pathologie gegeben haben, dann haben wir keinen Zugriff mehr drauf. Aber wenn wir dort anrufen, machen sie sehr viel möglich und versuchen, dass noch weiterer Abschied möglich ist. Es gibt sehr unterschiedliche technische Möglichkeiten. Es gibt zum Beispiel auch Kliniken, die Kühlbetten haben, sodass das Kind gekühlt im Bettchen im Zimmer bleiben kann. So kann man das Kind rund um die Uhr bei sich haben, um sich zu verabschieden. Also die Kinder sind oft noch erstaunlich lange in der Klinik und dann auch noch erstaunlich lange in der Pathologie, weil ja die Gemeinschaftsbestattungen auch nur zwei- bis dreimal im Jahr sind.

Sophie von Mother Hood: Kann auch eine Hebamme die stille Geburt zu Hause begleiten?

Britta: Ja selbstverständlich. Die Hebamme darf das genauso bei einer stillen Geburt machen. Es gibt auch Frauen, die wissen, dass ihr Kind lebensverkürzend erkrankt ist, oder dass es nicht überlebensfähig ist. Oft werden die Frauen auch vor die Alternative gestellt, einen medizinisch indizierten Abbruch in der späteren Schwangerschaftswoche oder eine palliative Geburt zu machen. Also das Kind auszutragen, bis es von alleine zur Welt kommt und dann dieses Kind zu gebären in dem Wissen, dass es eben nach der Geburt nicht leben kann, weil es vielleicht keine Lunge hat oder so. Bei der palliativen Geburt wird sich dann auf den Abschied vorbereitet, der dann mit der Geburt stattfindet.

Diese Kraft und diesen Mut das Kind so lange auszutragen, haben nicht viele Frauen. Es gibt aber einen Verein, der sich ausschließlich darum kümmert, Frauen in dieser Situation zu unterstützen. Der heißt „Weitertragen“. Das Thema wird durch unsere moderne Medizin nochmal ganz anders in den Fokus gerückt, weil wir durch Ultraschall verschiedene Erkrankungen viel früher erkennen. Früher haben die Frauen das Kind gekriegt und gesehen, es überlebt nicht. Jetzt hat man diese Information schon in der 20./22. Woche und der Arzt sagt, wir haben zwei Möglichkeiten: Schwangerschaft abbrechen oder eben weitertragen in dem Wissen, dass es irgendwann im Mutterleib stirbt oder es zur Geburt schafft aber unmittelbar dabei oder danach stirbt. 

Palliative Geburt ist aber auch etwas, das extrem selten angeboten wird. Ich wüsste jetzt kein Zentrum, das sich darauf spezialisiert hat. Das hängt aber auch davon ab, dass eine Klinik mit einer Palliativstation immer so als Sterbeklinik gesehen wird. Diesen Stempel möchte ja kein Krankenhaus haben, deshalb wird es auch nicht so an die große Glocke gehängt. Aber auch bei der Uniklinik (Anm. von Mother Hood: Frauenklinik in Heidelberg) nehme ich an, dass sie es anbieten.

Marjolein von Mother Hood: Kann man nicht davon ausgehen, dass man das in jedem Krankenhaus machen kann?

Britta: Das ist eine Frage der Beratung, die davor und danach notwendig ist. Und eine Frage des Teams. In der Klinik in der ich tätig bin zum Beispiel ist es so, dass wir keine Kinderklinik haben und kein Kinderarzt da ist. Ich weiß nicht, ob unser Chef das mitmachen würde. Ich vermute, dass das dann eher an den entsprechenden großen Häusern, wo auch Kinderärzte usw. da sind, passiert, weil da im Vorfeld auch die Beratung aus einer Hand kommen kann.

Sophie von Mother Hood: Wie werden die Sternenkinder bestattet?

Britta: In Baden-Württemberg gibt es die Möglichkeit für die Sterneneltern, das Kind individuell zu bestatten. Eine Bestattungspflicht gibt es von Seiten der Eltern bei frühen Fehlgeburten nicht. Aber es ist verpflichtend, dass das Kind bestattet wird. Das kann die Familie gerne individuell machen.

Wenn sie es nicht möchte, wird das Kind über die Klinik bestattet. Das Kind wird normalerweise in die Pathologie geschickt und untersucht, ob man Gründe für das Versterben finden kann, die man offensichtlich sehen kann. Und dann finden Bestattungen in einem Gemeinschaftsgrab statt. In Heidelberg auf dem Bergfriedhof gibt es ein Gemeinschaftsgrab für Sternenkinder. Da werden zwei Mal im Jahr alle Sternenkinder aus den Heidelberger Kliniken gemeinsam bestattet.  Diese Information muss Sternenkindereltern verpflichtend von den betreuenden Ärzten gegeben werden. Und man muss wissen, wie das Bestattungsgesetz unseres Bundeslandes ist, was darin wie verankert ist, was für Möglichkeiten die Eltern haben, zum Beispiel diese Schwangerschaft auch offiziell bescheinigen zu lassen.

Für jede Schwangerschaft, unabhängig vom Alter und wann es zur Fehlgeburt kam, dürfen sich die Eltern eine Bescheinigung ausstellen lassen vom Standesamt, wo die Eckdaten, Geburtsdatum, Name, Religion eingetragen werden. Diese dürfen sie ins Familienbuch heften. Das ist keine Geburtsurkunde, kein offizielles Dokument, denn das muss erst dann erstellt werden, wenn das Kind, wenn auch nur sehr kurz, gelebt hat und ein gewisses Geburtsgewicht oder Schwangerschaftsalter erreicht hat. Bei den späten Fehlgeburten oder Totgeburten da muss es nochmal anders laufen. Das ist auch sinnvoll, dass man die Eltern darauf hinweist. Die Eltern sind in der Regel in dem Moment nicht aufnahmefähig, es wird nicht verarbeitet nicht richtig wahrgenommen, deshalb müssen wir es immer wieder wiederholen. Deshalb ist auch die Arbeit mit dem Sternenkindercafé so wichtig, weil die Fragen oft erst nach einiger Zeit kommen. Sie haben alles hinter einem Schleier mitgekriegt und wollen es jetzt genauer wissen. Dann kommt manchmal: „Ach hätte ich das früher realisiert, hätte ich vielleicht doch eine Bestattung im Familiengrab gewollt.“ 

Doch auch im Nachhinein kann man noch viel organisieren, man muss nur wissen, wo man anrufen muss und wie man das organisieren kann. Dieses Wissen haben wir im Sternenkindercafé, da lässt sich einiges machen.

Sophie von Mother Hood: Stellt ihr einen Unterschied bei der Begleitung fest, ob die Frauen eine frühe Fehlgeburt hatten oder eine Totgeburt oder ob das Kind kurz vor der Geburt gestorben ist? Haben die Frauen je nach Fortschritt der Schwangerschaft andere Bedürfnisse?

Britta: Nein, für die Begleitung macht es keinen Unterschied, weil die Begleitung sich daran orientiert, was die Frau braucht und das kann sehr unterschiedlich sein. Es gibt eine Frau, die ihr Kind in der 8.Woche verloren hat und die viel braucht und Frauen die ihr Kind in der 40. Woche verloren haben und erstaunlich wenig brauchen.

Das ist vielleicht auch der Grund, warum so wenig über Fehlgeburten gesprochen wird, weil die Frauen in der frühen Schwangerschaft auch das Gefühl haben: „Ach, die, die ihr Kind später verloren haben, sind viel schlimmer dran.“

Aber man würde ja auch nicht sagen, wenn jemand mit 70 stirbt, ist es schlimmer, als wenn man mit 80 stirbt. Da würde keiner einen Unterschied machen. Es kommt nicht auf die Woche an, sondern auf das eigene, emotionale Empfinden.

Trauer kennt keine Woche, kein Alter… Trauer ist einfach da.

Sophie von Mother Hood: Es passiert ja scheinbar sehr oft, dass eine Schwangere ihr Kind verliert, aber trotzdem finde ich, kriegt man es selten mit. Und falls doch, kriegt man am Rande mit, dass jemand eine Fehlgeburt hatte, aber so richtig gesprochen wird nicht darüber. Bei mir selbst sind da auch Hemmungen da, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll, weil eben so selten darüber gesprochen wird.

Britta: In dem Moment, in dem man anfängt, darüber zu sprechen, ist ja meistens jemand akut betroffen und der Auslöser, warum man darüber spricht. Und eine akut trauernde Person ist natürlich sehr empfindlich und man möchte nichts falsch machen. Da haben wir aber auch viel Rückmeldung dahingehend bekommen, dass die Unsicherheit und Angst zu verletzen schwindet, wenn man genau das einfach sagt oder aufschreibt. Man kann ja auch eine Karte schreiben, dass es einem Leid tut und man nicht weiß, was man sagen soll, und dass man sich nicht vorstellen kann, wie schwer das ist. Solche Sätze kann man ja auch sagen.

Wenn man anfängt, über die eigene Unsicherheit zu reden und die Trauer und das große Warum auszuhalten, hilft das unglaublich.

Viele Frauen, denen das passiert, haben in ihrem Umfeld Frauen, die auch gerade schwanger sind, im Geburtsvorbereitungskurs zum Beispiel. Für die freuen sie sich dann, wenn sie ihr Kind geboren haben, aber sie halten es schier nicht aus, sie zu sehen, weil sie wissen: „Mein Kind müsste jetzt auch geboren sein.“
Eine unglaubliche 
Ambivalenz für alle. Aber auch darüber kann man ja reden. Nur der trauernden Person fehlen wirklich die Worte. Sie sind emotional extrem dünnhäutig. Da im Umfeld zu sensibilisieren und zu sagen, wenn ihr so jemanden habt, dann achtet auf eure Worte, überlegt, was ihr sagt und wenn ihr nichts sagen könnt, dann sagt, dass ihrs jetzt nicht wisst. Das hilft wirklich. Und vergesst sie nicht. Meldet euch nicht nur nach einer Woche, ruft auch nach 4 oder 8 Wochen an und fragt und auch nach einem Jahr. Zu wissen, wann das Kind den Geburtstermin gehabt hätte, ist hilfreich. Denn das ist ein schwerer Tag für die Eltern. Oder bringt in Erfahrung ob und wann es beerdigt wird. Das erste Jahr ein bisschen mitzudenken mit einer betroffenen Frau und einfach zu sagen, „hey ich weiß, heute wäre der Termin gewesen, das ist sicher schwer für dich“ – So was macht viel aus und hilft den Frauen sehr.

Und wenn man niemand akut betroffenen im Umfeld hat, ist es hilfreich, wenn man sich traut, das Thema mal unter Frauen anzusprechen. Über „wie war deine Schwangerschaft oder wie schrecklich war deine Geburt?“ spricht man ja auch. Von daher fragt die anderen doch mal: „Wie sieht es aus, hatte eine von euch mal eine Fehlgeburt? Oder lief immer alles wie am Schnürchen?“ Fangt in der eigenen Familie an. Es ist erschreckend wie viele Frauen „ja“ sagen. Sie spielen es oft selber runter. „vor 40 Jahren…“ es wird aber auch deshalb totgeschwiegen, weil die Gesellschaft dafür sorgt, dass die Frauen nicht wissen, ob sie trauern dürfen oder wie sie damit umgehen dürfen.

Es gibt eine Untersuchung von 2002/2003 da wurde überschlagen, wie viele Schwangerschaften in einer Fehlgeburt enden. Es wurde geschätzt, wie viele Schwangerschaften überhaupt klinisch erscheinen, durch einen positiven Test. Und bis zu dem Moment wird geschätzt, dass schon 60 % aller befruchteten Eizellen nicht mehr da sind. Von den 40 % Schwangeren, die dann als schwanger erkannt werden, wird ca. ein Viertel bis ein Drittel in einer Fehlgeburt enden. Das sind unglaublich große Zahlen.

Marjolein von Mother Hood: Ist das mit dem „Nicht-über-die-Fehlgeburt-sprechen“ ein kulturelles oder geschichtliches Problem, oder gibt es andere Völker auf der Erde, die damit anders umgehen?

Britta: Ob es anderen Umgang mit Fehlgeburten gibt, weiß ich nicht. Aber generell ist der Umgang mit dem Tod etwas, das in Deutschland immer mehr verdrängt wird. Wenn man mit den Großeltern spricht, 50er, 60er Jahre, die ländlicher gewohnt haben, da ist zu Hause der Tote aufgebahrt worden, wurde mit dem Sarg durch den Ort gefahren, alle sind mit zum Friedhof mitgekommen. Es war normal, dass man einen toten Menschen mal sieht, einen Nachbarn, jemand aus der Familie… Diese Kultur geht uns komplett verloren.

Das ist extrem schade und ich finde es auch schwierig, weil dadurch auch viel Wissen um den Tod und um das Sterben verloren geht. Die Erfahrung mit dem Umgang fehlt uns. Das macht uns unsicher. Deshalb ist auch das Umfeld von betroffenen Eltern so unglaublich verunsichert. Die Erfahrung hat kaum jemand mal gemacht, wenn doch war es die 96-jährige Oma, die gestorben ist. Aber dass Kinder sterben, wird nicht normal empfunden. Leider ist es das trotzdem.

Marjolein von Mother Hood: Ist es im Studium oder in der Ausbildung von Geburtsbegleiterinnen Thema, wie man mit Sternenkindern umgeht?

Britta: Ich habe vor 20 Jahren studiert. Das Thema Tod und Trauer und psychisches Befinden in Extremsituationen ist natürlich auch Inhaltsstoff, aber es nimmt einen relativ kleinen Raum ein. Es ist ein bisschen mehr geworden, was ja gut ist.

Speziell Fehlgeburten/Totgeburt führt so ein Nischendasein im Bereich der Gynäkologie und die Gynäkologie als Fachbereich ist nicht so omnipräsent wie andere Fächer (Innere Medizin…). Das wird eher schnell abgehandelt, es gibt viel was man erzählen kann und muss und soll und da fällt das eher hinten runter. Wenn man sich anfängt, dafür zu interessieren, stellt man fest, dass es echt oft vorkommt. Je nach Klinikgröße hat man gefühlt jeden Tag eine Frau mit einer Fehlgeburt in der Klinik. Ich wurde nicht darauf vorbereitet.

In einem ersten Jahr in der Klinik, da gab es eine Totgeburt, da wurde ich reingeschickt mit dem Motto „mach du mal“. Wenn man Glück hat, findet man ältere Kollegen die einen anleiten und auffangen, weil man selbst ja auch einen Kratzer auf der Seele kriegt, wenn man das macht. Man geht nicht unberührt raus. Man hat immer wieder mit Schicksalen zu tun, die einen selbst berühren. Wenn man Glück hat, hat man Kollegen, die einem vorleben, wie es gehen kann oder wie es absolut nicht sein sollte und man sagt schon allein aus Protest, so will ich es nicht machen.

Marjolein von Mother Hood: Gibt es regelmäßige Fortbildungen dazu, die man machen kann oder besuchen muss? Und ist es auf der Station ein Thema?

Britta: Doch auf Station ist es immer wieder Thema, natürlich. Und in allen Kliniken, in denen ich war, hat man dann dazu auch interne Fortbildungen. Bei uns in der Klinik bin ich es, die sich hinstellt und was dazu erzählt. Ja, es wird thematisiert, weil es wichtig ist, dass die Frauen von ärztlicher Seite aufgefangen werden. Zusätzlich ist es so, dass es einen nicht ganz unwesentlichen rechtlichen Rahmen gibt, der von uns verpflichtend einzuhalten ist, wie zum Beispiel über das Thema Bestattung aufzuklären.

Kontakt

Bethanien Sternenkinder Heidelberg
Ladenburger Str. 23
69120 Heidelberg

Tel.: (06221) 41 37 45

STERNENKINDER-CAFÉ HEIDELBERG

An jedem zweiten Montag im Monat trifft sich die angeleitete Gesprächsgruppe für Eltern im

„Sternenkinder-Café“ von 19.30 Uhr bis 21.00 Uhr in den Räumlichkeiten von Sternenkinder

Heidelberg in der Ladenburger Str. 23.

Sie können sich dafür online über den Link oder telefonisch unter 0172 56 55 126 anmelden.

BESONDERE VERANSTALTUNGEN

Gedenkgottesdienst zum Worldwide Candle Lighting Day, jedes Jahr am zweiten Sonntag im Dezember

Sophie von Mother Hood: Hast du Ideen, wie wir als Mother Hood Gruppe bei dem Thema unterstützten könnten?

Britta: Ich denke, was ihr sicher machen könnt, weil ihr ein breites Publikum habt, ist einmal grundsätzlich das als Thema zu behandeln. Also zu sagen, das gibt es und zwar in allen Phasen der Schwangerschaft und es kommt sehr oft vor und es gehört tatsächlich mit dazu. Einfach mal thematisieren. Dann sagt der, bei mir war es so, Austausch… das hilft so unheimlich.

Das andere ist, denke ich, dass man Mut zuspricht, den Freunden und Familienangehörigen, und Bekannten von Betroffenen, da wirklich auch die eigene Unsicherheit in Worte zu fassen. Die eigene Betroffenheit in Worte zu fassen und die Betroffenen zu unterstützen und zu signalisieren „ich bin da“ und dann aber auch da zu sein und diese „kleinen“ Aufmerksamkeiten dann auch in den Blick zu bekommen. Wie Geburtstage und solche Dinge.

Der Kontakt zu Selbsthilfegruppen hilft auch vielen. Es gibt Frauen, die kommen einmal, Frauen, die kommen zehnmal. Von den Rückmeldungen her sind alle Frauen genau so oft dagewesen, wie sie es gebraucht haben.